Die Legende des Sonnenritters B1K9: „Wenn du ein Geheimnis erfahren willst, frag eine Frau“

Die Legende des Sonnenritters Band 1: Eine Einführung in die Rittertheorie

Chinesisches Original: 御我 (Yu Wo)

Englische Übersetzung: Raylight


Neunte Regel der Sonnenritter: „Wenn du ein Geheimnis erfahren willst, frag eine Frau“ – deutsche Übersetzung von Ariana

Das Geräusch einer sich öffnenden Tür kam von einem kleinen, heruntergekommenen Haus, das so aussah als ob es bei dem kleinsten Windstoß zusammenbrechen würde. Unter dem Türgriff tauchte das rosa Gesicht eines kleinen Mädchens auf, das an einem Erdbeer-Lolli lutschte, der größer war als ihr Kopf.

„Rosa, ich willige ein von nun an dein Lehrling zu werden und Totenbeschwörung zu lernen“, sagte ich ernsthaft.

Rosa war für einen Moment fassungslos, dann deute sie mir mit dem Finger mich hinzuhocken.

Was? Kann es sein, dass auch noch eine Zeremonie nötig ist um ihr Lehrling zu werden? Ich hockte mich misstrauisch hin. Dann deutete mir Rosa erneut mit dem Finger, diesmal um näher zu kommen. Ich gehorchte und bewegte mein Gesicht näher zu ihr.

Danach platzierte sie ihre Handfläche waagrecht auf meiner Stirn und rief aus: „Oh nein! Sonne, deine Stirn fühlt sich wirklich heiß an! So, wie du glühst ist es kein Wunder, dass du gerade Schwachsinn geredet hast!“

„Deine Hände sind eisig weil du eine Leiche bist…“

Rosa zog ihre Hand zurück und sagte, nachdem sie sie eine Weile angesehen hatte, voll Erkenntnis: „Das stimmt, ich hatte fast vergessen, dass ich eine Tote bin. Aber dann…“

Sie sah mich zweifelnd an. „Bist du sicher, dass du kein Fieber hast?”

Ich rollte mit den Augen und sagte mürrisch: „Unter dem Schutz des Gottes des Lichtes hatte ich kein Fieber mehr seit ich zehn war.“

„Oh!“ Rosa nickte. Sie sagte mit viel Verständnis: „Dann gibt es etwas bei dem du möchtest, dass ich dir helfe? Dieses Mal bist du wirklich fest entschlossen, wenn du sogar bereit bist dein ‚lebendes Selbst‘ zu verkaufen.“

Ich beeilte mich die Details des Vertrages zu erklären: „Ich habe nur gesagt, dass ich Totenbeschwörung von dir lernen will! Ich will nach wie vor der Sonnenritter bleiben!“

„Ein Sonnenritter, der Teilzeitlehrling bei einer Totenbeschwörerin ist?“ Rosa schüttelte den Kopf und seufzte. „Du bist der Einzige, der es wagt so etwas zu tun. Hast du keine Angst, dass der Gott des Lichtes Blitz und Donner schicken wird um dich nieder zu strecken?“

„Ich glaube, dass der Gott des Lichtes meine Schmerzen verstehen wird!“ sagte ich nüchtern. Dann fügte ich zu meiner Erklärung hinzu: „Außerdem hat Ihn seit ein paar hundert Jahren niemand mehr gesehen und ich glaube nicht, dass er für diese Kleinigkeit zur Erde zurückkehren würde.“

Rosa lutschte an ihrem Lolli und gab ihre Meinung zu diesem Thema nicht Preis, was mir Schauer über den Rücken jagte. In diesem Moment überlegte ich ernsthaft wie hoch die Wahrscheinlichkeit war, dass der Gott des Lichtes mich mit einem Blitz niederstreckt…

Ich sollte nicht so viel Pech haben! Ich schüttelte den Kopf und fragte Rosa: „Also? Akzeptierst du oder nicht?“

„Sag, was willst du, dass ich tue?“

„Ich möchte, dass du – “

 

 

Nachdem ich Rosa mein Anliegen vorgebracht hatte ging ich zurück zur Kirche. Natürlich hatte ich bereits die Kapuze meines Umhanges abgenommen. Falls noch jemand vorbei käme und mich wieder für den Todesritter hielte wäre ich garantiert so wütend, dass ich diesen jemand zu einem „toten Ritter“ machen würde.

Des Weiteren gab es noch jemand den ich um etwas bitten musste. Da diese Person aber vergleichsweise einfacher zu behandeln war als Rosa, war ich nicht zu besorgt.

Ich lächelte einen der heiligen Ritter im Korridor an. „Mein heiliger Ritter-Bruder, der Gott des Lichtes hängt hoch im Zentrum des Universums und lächelt auf uns alle herab. Was für ein Tag voll hellem Glanz. Ich hoffe, dass auch du die Wärme des Gottes des Lichtes fühlen kannst.“

Der heilige Ritter den ich gestoppt hatte war extrem aufgeregt und beantwortete den Gruß in einem respektvollen, bewundernden Ton. „Auch ich hoffe, dass Sie die Wärme des Gottes des Lichtes fühlen können. Hauptmann Sonne, das Wetter heute ist wirklich sehr schön. Ich hoffe, dass wir heute erfolgreich darin sein werden, den Todesritter zu fangen.“

Ich nickte mit dem Kopf. „Mein Bruder, ich habe mich gefragt ob du weißt, wo Bruder Hauptmann Sturm sich aktuell in der Güte des Gottes des Lichtes sonnt?“

Der heilige Ritter begann nervös zu werden und fragte unsicher: „Ähm… Darf ich fragen, ob Sie fragen wo der Sturmritter ist?“

Ich nickte.

Der heilige Ritter antwortete erleichtert: „Hauptmann Sturm hat die vergangenen drei Tage in seinem Zimmer verbracht und Dokumente korrigiert.“

„Mein heiliger Ritter-Bruder, Sonne ist außerordentlich dankbar für deine Worte, welche von Wohlwollen und Gutherzigkeit erfüllt sind. Ich hoffe, dass du die Wärme des Gottes des Lichtes an allen deinen Tagen spüren wirst“, dankte ich ihm höflich und drehte mich sofort um zu gehen.

„Hauptmann Sonne, Sie sind wirklich zu höflich!“, verabschiedete sich der heilige Ritter mit einem anbetenden Blick.

Ich ging ohne anzuhalten zu Sturms Tür und klopfte an.

Nach einer Weile öffnete sich die Türe so langsam wie irgend möglich. Ein gräulich-weißes Gesicht in einem ähnlichen Farbton wie das des Todesritters tauchte auf. Wenn ich nicht sicher gewesen wäre, dass Todesritter keine schwarzen Ringe unter den Augen bekommen können, hätte ich wirklich gedacht, dass Sturm der zweite Todesritter in Blattknospenstadt geworden war.

Ich war gerade dabei meinen Mund zu öffnen um zu sprechen, als ich von einer Handbewegung Sturms gestoppt wurde. Er sagte schwach: „Sonne, bitte sprich so simpel wie möglich. Andernfalls garantiere ich dir, dass ich innerhalb von drei Sekunden einschlafe.“

Ich überlegte eine Weile und sagte dann zwei Wörter: „Hilf mir.“

„Kann ich ablehnen?“ fragte Sturm mit zitternden Lippen, die aufgrund mehrerer durchgearbeiteter Nächte extrem blass waren.

Ich dachte erneut darüber nach und kürzte meine Gedanken zu einem einzigen Wort: „Befehl.“

„…Definitiv simpel genug.“

Nachdem ich Sturm instruiert hatte ging ich, um meine nächste Aufgabe zu erfüllen. Ich war sehr erleichtert, obwohl Sturm so aussah als würde er jeden Moment umkippen und sterben.

Allerdings gab es keinen Grund zur Sorge. Denn selbst falls er wirklich umkippen und sterben würde, würde er ein Todesritter werden und wieder aufstehen um seine Arbeit zu vollenden. Dieser Kerl ist einfach ein derart ernsthafter Arbeiter, was überhaupt nicht zu dem sorglosen Image des Sturmritters passt.

Als ich gerade dabei war einen Ort zu finden, wo ich mich heimlich in „Souveräner Drache“ verwandeln konnte, kam das Geräusch gleichförmiger Schritte sowie etwas Geflüster vom anderen Ende des Korridors. Ein derart disziplinierter Zug konnte nur der von Hauptmann Urteil sein.

Und tatsächlich kam Hauptmann Urteil nicht viel später herüber, ungefähr zwanzig heilige Ritter anführend. Wie üblich sagte er zu mir: „Mögest du bald die strenge Art des Gottes des Lichtes verstehen, Hauptmann Sonne.“

„Heute Nacht wird der Todesritter zum Palast gehen um Rache zu nehmen“ flüsterte ich.

Als er das hörte, blieb Hauptmann Urteil stehen. Er blieb total abrupt stehen, aber die ungefähr zwanzig heiligen Ritter hinter ihm blieben tatsächlich auch gleichzeitig stehen, ohne das leiseste Anzeichen von Unruhe oder erschreckte Gesichtsausdrücke.

Urteil winkte einmal mit der Hand und sein Zug ging sofort und umrundete uns ohne Widerspruch.

Nachdem er gewartet hatte bis alle gegangen waren fragte mich Urteil sofort: „Bist du sicher?“

„Ja!“ Ich nickte schnell, da Roland Sachen nie hinauszögerte. Wenn er sagte, dass er es tun würde, würde er es garantiert sofort tun.

Urteil sah mich ein wenig skeptisch an und fragte: „Bist du entschlossen ihn zu fangen?“

„Ich bin der Sonnenritter, Hauptmann Urteil“ erklärte ich ihm ruhig. „Ein Sonnenritter wird jenen, die bereits tot sind, keinesfalls erlauben sich in die Angelegenheiten der Lebenden einzumischen, selbst wenn die Lebenden unverzeihlich gesündigt haben.“

Urteilsritter antwortete kühl: „Heute Nacht werde ich einige Ritter schicken um sich im Palast auf die Lauer zu legen um diese Person zu beschützen und zur selben Zeit den Todesritter zu fangen.“

Ich schoss ihm einen schnellen Blick zu. „Wie beeindruckend. Hast du bereits herausgefunden, wer Roland getötet hat?“

„Ja. Ich habe den Verantwortlichen für das Hinrichtungsgelände gefangen und ihn über den genauen Zustand der Leiche befragt“ erklärte Urteil kurz. „Als ich wusste, dass er zu Tode gefoltert worden war, schickte ich Sturm um die Adeligen zu untersuchen, die Verbindungen zu dem dritten Sohn von Baron Gerland und das bösartige Hobby andere zu Tode zu foltern haben. Es gibt nur drei Verdächtige: Seine Majestät den König, den Kronprinzen und Baron Gerland.“

Armer Sturm. Er wurde nicht nur von mir, sondern auch von Urteil mit Arbeit überhäuft. Kein Wunder, dass er so aussieht als wäre er mehr tot als lebendig.

„Wie hast du dann herausgefunden, wer es war?“ fragte ich, ein wenig neugierig.

„Eigentlich hatte ich aufgrund der letzten Ereignisse bereits eine Ahnung wer es gewesen sein könnte. Um sicher zu gehen ließ ich trotzdem Eis, der den Todesritter gesehen hatte, unter den heiligen Rittern jemand aussuchen der möglichst ähnlich aussah. Nachdem wir sein Gesicht etwas blasser gemacht hatten brachten wir ihn zu Besuch bei den drei Personen und brachten ihn sogar dazu sich verdächtig zu verhalten.“

Urteil schüttelte den Kopf und seufzte. „Obwohl diese Art Leute zu täuschen nicht sehr anständig ist, ist sie sehr effektiv. Es war wirklich einfach zu bestimmen wer der Mörder ist, da er so verängstigt war, dass er am ganzen Körper zitterte.“

„Wie beeindruckend!“ lobte ich voll aufrichtiger Bewunderung, da ich die Identität des Mörders erst herausgefunden hatte, nachdem ich mich mit Roland unterhalten hatte.

„Nachdem du dich bereits entschieden hast, werden wir heute Nacht den Sonnenritter Zug und den Urteilsritter Zug gemeinsam im Palast auf der Lauer liegen lassen“, sagte Urteil und machte seine Entscheidung mit Bedacht. „Immerhin kann diese Person, auch wenn ihre Sünden nicht vergeben werden können, auf keinen Fall verletzt werden, sonst wird ein Sturm entfesselt werden.“

„Ich stimme zu, aber ich möchte Flamme und Erde mitbringen.“

Urteil wirkte verblüfft als er fragte: „Ich verstehe, warum du Erde mitbringen willst, da seine schützenden Fähigkeiten sicher stellen können, dass diese Person nicht verletzt wird. Flamme jedoch ist auf Geister spezialisiert, nicht auf untote Kreaturen.“

Ich schüttelte den Kopf. „Urteil, ich fürchte, dass Roland, als ich ihn vorhin sah, bereits kurz davor war ein Todesherr zu werden. Falls er aufgrund seiner bleibenden Obsession direkt zum Todesherrn wird und Kreaturen der Dunkelheit, wie Geister, heraufbeschwört, werden wir ziemliche Probleme haben.“

„Das stimmt. Du bist immer noch vertrauter mit untoten Kreaturen als ich. Es auf diese Art zu tun ist gründlicher.“ Urteil nickte mit dem Kopf und fügte hinzu: „Ich bin auch froh, dass du dich endlich entschieden hast deinen früheren Freund zu eliminieren, was nicht einfach gewesen sein kann.“

„Es war schwer“ antwortete ich ruhig. „Äußerst schwer, besonders da es sich um Roland handelt.“

„Nachdem diese Angelegenheit geklärt ist würde es mich freuen von dir über Rolands Taten, als er noch am Leben war, zu hören.“ Urteil nickte wieder und verabschiedete sich dann von mir. „Möge dein Freund bald in Frieden ruhen.“

Mit diesen Worten ging er.

Nachdem ich Urteils Abgang beobachtet hatte drehte ich den Kopf um aus dem Fenster zu sehen. Gut, draußen ist es noch hell! Es war noch früh genug für mich um meine Angelegenheiten zu erledigen und dann zurückzukommen um mit meinen Sonnenritter Zug zusammen zu kommen.

Nachdem ich mit Sturm und Urteil alles geklärt hatte, gab es nur noch eine Sache, die ich tun musste: mich in den Palast einzuschleichen, um den Ort zu finden wo Roland zu Tode gefoltert worden war.

 

 

Nachdem Roland gesagt hatte, dass derjenige ein Krimineller war, der es gewöhnt war Menschen zu Tode zu foltern, würde es definitiv einen Ort geben, der ausschließlich zur Folter verwendet würde. Wenn ich diesen Ort finden und Beweise erhalten könnte, wäre ich in der Lage die Verbrechen dieser Person aufzudecken.

Der Palast war zwar schwer bewacht, aber ich war schon unzählige Male dort gewesen.

Dieses fette Schwein von einem König macht immer wieder Schwierigkeiten und jedes Mal muss ich hingeschickt werden um ihm zu predigen bis er die Nase voll hat. Dann ist es Zeit für denjenigen der Zwölf Heiligen Ritter, der mich begleitet hat, ihn zu bedrohen. Meistens war Sturm derjenige, der mich begleitet, aber wenn die Lage schlimm genug war, dann war es Urteil.

Abgesehen davon, das fette Schwein zu ermahnen, komme ich auch oft zum Palast um die gute Kommunikation zwischen dem Palast und der Kirche zu fördern. Der Geburtstag der Königin, der Ball zum Erwachsenwerden der Tochter des Barons, die erste Jagd des Prinzen und viele weitere beliebige Ereignisse sind alle im Bereich meines Jobs.

Zusammengefasst ist der Sonnenritter das lebende, wandelnde Werbeschild der Kirche des Gottes des Lichtes.

Abgesehen davon, ist die Königin die Adoptivmutter meines Lehrers und damals nannte mein Lehrer den Kronprinzen seinen Bruder. Daher brachte mich mein Lehrer oft unter dem Vorwand, dabei zu helfen die gute Kommunikation zwischen dem Palast und der Kirche zu fördern, für Freizeitaktivitäten in den Palast. De facto trank er Nachmittagstee mit der wunderschönen Königin, der Prinzessin und diversen Damen…

Ähem! Daher ist der Ort der mir, nachdem ich dreiundzwanzig Jahre in dieser Welt gelebt habe, am vertrautesten ist, dieser Palast. Abgesehen von der Kirche des Gottes des Lichtes.

Aus diesem Grund stellt die Verteidigung des Palastes für mich nicht das geringste Problem dar, da ich offen und rechtmäßig beim Haupteingang hineinspazieren kann. Die Palastwachen auf beiden Seiten salutieren mir sogar respektvoll!

„Heilige Brigantine des Drachen, im Namen der Nachfahren der Drachen befehle ich dir: Aktiviere dich!“

Nachdem ich ein dunkles Eck im Inneren des Palastes gefunden hatte, hatte ich, gekleidet in das blutsaugende, schwarz-silberne Hemd, vor, heimlich durch den Palast zu schleichen und die Folterkammer zu finden…

Mein Herr, der Name deines Dieners ist Heilige Brigantine des Drachen, nicht Blutsaugendes Hemd.

„Uff! Du hast mich zu Tode erschreckt.“ Ich klopfte mir über dem Herz auf die Brust. Hab keine Angst! dachte ich zu mir selbst. Ich schimpfte mit ihm: „Wenn es kein Problem gibt, dann sprich nicht so plötzlich. Ich hätte fast gedacht, dass ich entdeckt wurde.“

Ja, mein Herr.

Obwohl mitten am Tag schwarze Ganzkörperkleidung zu tragen nicht unbedingt sehr weise ist, ist es immer noch besser als im Aufzug des Sonnenritters dabei erwischt zu werden, sich unehrenhaft zu verhalten.

Außerdem gibt es, selbst wenn es gerade Tag ist, in den Korridoren des Palastes eine Menge bizarrer, gigantischer Dekorationen hinter denen ich mich verstecken konnte. Beispiele dafür wären Vasen die größer sind als Menschen (kann man da überhaupt Blumen hineintun?), extrem schwere Rüstungen in denen Ritter, selbst wenn sie wollten, keinen Schritt tun könnten (wofür wurden die überhaupt gemacht?) und eine riesige Kollektion von Skulpturen.

Für den Fall, dass ich den Wachen trotzdem nicht ausweichen könnte wäre das auch kein Problem.

Mein Lehrer sagte oft: „Kind, denk nicht, dass der Palast wirklich eine uneinnehmbare Festung ist. Er war es vielleicht als er konstruiert wurde. Allerdings will jeder König einen Geheimgang, den nur er kennt, im Palast haben um fliehen zu können. Praktischerweise, würde er auch eine geheime Kammer haben wollen, die er für Privatangelegenheiten verwenden könnte…Nach zehn, oder so, Generationen von Königen gibt es zehn, oder so, Geheimgänge und zehn, oder so, geheime Kammern. Und obwohl sowohl die Geheimgänge als auch die geheimen Kammern dem Namen nach „geheim“ sind, solltest du nicht denken, dass sie es wirklich sind. Glaub mir, selbst der aktuelle König weiß nicht so viel wie die Menschen an seiner Seite, die Königin und die Prinzessin.“

„Warum weißt du dann davon, Lehrer?“ Ich war komplett verwirrt.

„Weil es mir die Prinzessin gesagt hat, natürlich.“

„Warum würde es dir die Prinzessin sagen, Lehrer?“

„Wenn sie es mir nicht gesagt hätte, wie hätte ich mich dann in den Palast schleichen und eine geheime Affäre mit ihr haben können? …Shh! Kleine Kinder müssen nicht so viel wissen, merk dir nur die Eingänge zu den Geheimgängen und geheimen Kammern.“

„Ja, Lehrer.“

Wenn ich so darüber nachdenke, war mein Lehrer wirklich keine normale Person. Warum?

Das liegt daran, dass es, zu dieser Zeit, genau zwei Prinzessinnen im Palast gab. Die eine war die unverheiratete jüngere Schwester des Königs, welche zu dieser Zeit fast fünfzig war. Die andere war die Tochter des Königs, welche damals fünfzehn war. Ich frage mich wirklich, ob er ein Kinderverzahrer war, oder ob er derjenige war, der verzahrt wurde…Ähem! Aber ich schweife ab. Jedenfalls nehme ich an, dass die Folterkammer eine geheime Kammer sein sollte, die nicht zu weit vom Schlafzimmer des Täters entfernt ist.

Zuerst hatte ich vor, mein Glück in den bereits existierenden geheimen Kammern zu versuchen, da diese Person wahrscheinlich die existierenden geheimen Kammern verwenden würde anstatt eine Neue zu öffnen.

Immerhin, wenn man von der Anzahl der Geheimgänge und geheimen Kammern von denen mir mein Lehrer erzählt hat ausgeht, ist das Fundament des gesamten Palastes bereits komplett hohl. Vielleicht würde nicht einmal der Palastarchitekt es wagen, einfach so ein Loch zu graben, aus Angst, dass dann der gesamte Palast einstürzen würde.

Ich ging heimlich durch den Korridor und flitzte in den Eingang eines Geheimganges als die Luft rein war. Dann flitzte ich wieder hinaus und in einen anderen Geheimgang. Unterwegs rannte ich sogar beinahe in ein Pärchen das sich umarmte und küsste. Glücklicherweise waren sie zu vertieft darin einander zu küssen und bemerkten nicht, dass eine weitere Person, nämlich ich, in der Nähe war. Ich ging schnell in eine andere Abzweigung des Tunnels…

Einen Moment! Ich runzelte die Stirn als ich nachdachte. Das Pärchen gerade eben, das eine geheime Affäre hatte… war eine von ihnen Ihre Hoheit die Prinzessin?

Und zwar jene Prinzessin, die damals fünfzehn war und vielleicht, oder auch nicht, eine Affäre mit meinem Lehrer gehabt haben könnte. Dieses Jahr war sie bereits über fünfundzwanzig Jahre alt, aber sie weigerte sich immer noch dreist Prinzen aus anderen Ländern zu heiraten. Es liegt also daran, dass sie bereits jemanden hat den sie liebt… Aller Wahrscheinlichkeit nach ist der Status der anderen Person nicht hoch und es ist daher absolut unmöglich, dass der König der Prinzessin erlaubt ihn zu heiraten, daher können die beiden nur eine Affäre in einem Geheimgang haben.

Anscheinend sind diese Geheimgänge und geheimen Kammern wirklich, wie mein Lehrer sagte, kein großes Geheimnis. Sie sind praktisch ein malerischer Fleck für Affären.

Als ich weiter voranschritt, dachte ich über die Positionen der vielen geheimen Kammern, von denen mir mein Lehrer berichtet hatte, nach. In der Umgebung des Zimmers des Täters befinden sich viele geheime Kammern, aber nur drei haben Gänge, die in das Schlafzimmer führen. Von den Dreien können zwei aus den äußeren Geheimgängen betreten werden. Die dritte ist abgeschottet und hat nur eine Verbindung in das Schlafzimmer.

Ich hatte vor die beiden geheimen Kammern, die von andern Geheimgängen aus betreten werden konnten, zuerst zu untersuchen.

Ich strich eine ganze Weile im Inneren der Geheimgänge herum. Dankenswerterweise ist mein Gedächtnis außergewöhnlich und ich kann selbst aus einem derart verwirrenden Durchgang den Ausgang finden. Nicht viel später betrat ich eine leere, verlassene Kammer. Meiner Erinnerung nach, sollte das einer der Orte sein zu denen ich wollte.

Andererseits, in Anbetracht der Spinnweben hier, die sogar solider als das Material meines Capes waren, hatte ich das Gefühl, dass dies nicht der richtige Ort war.

Mein nächster Plan war, das Schlafzimmer von hier aus zu betreten und dann von dort die zwei anderen Kammern. Trotzdem, wenn ich die Spinnweben vor meinen Augen betrachtete und daran dachte, dass ich mich hindurchwinden müsste, wollte ich sie einfach nur anzünden und alle zu Asche verbrennen.

Allerdings gibt es im Palast Magier. Wenn ein Magier die Magie die ich verwende wahrnehmen würde, hätte ich Probleme. Daher konnte ich nur widerwillig meine Hand verwenden um die Spinnweben zu zerreißen. Ich musste viel Anstrengung und Schmerz aufbringen und mein ganzer Körper war von Spinnweben bedeckt bevor ich es endlich schaffte, das andere Ende der Kammer zu erreichen. Ich hockte mich hin um die Geheimtür zu untersuchen…

„Sie ist versiegelt.“

Als ich das entdeckte, wollte ich heulen. Seufz! Ich hätte es wissen müssen. Wie könnte ein ehrwürdiger Angehöriger der königlichen Familie einen Geheimgang, der in sein eigenes Zimmer führt in Ruhe lassen und sich nicht dafür interessieren?

„Ich hoffe, dass der andere Geheimgang nicht versiegelt ist.“

Mit dieser Hoffnung zog ich mich aus der Kammer zurück. Erneut wandte und drehte ich mich in unterschiedliche Richtungen, bevor ich in einem anderen Geheimgang ankam. Was ich nicht erwartet hatte war, dass dieser Geheimgang erheblich kleiner war als der letzte und nur etwa halb so hoch wie ich. Ich konnte nur niederknien und hindurchkrabbeln. Nachdem ich ans Ende gekrabbelt war, stellte ich fest, dass die geheime Kammer praktisch ein leeres Loch war, weder Höhe noch Breite erreichten auch nur zwei Meter. Ganz zu schweigen davon, jemanden umzubringen, selbst zwei Personen hier hinein zu quetschen wäre schwierig!

Ich hob den Kopf um die Geheimtür zu untersuchen. Sie war an der Decke und glücklicherweise nicht versiegelt. Dieser Geheimgang ist wahrscheinlich besser verborgen, nachdem nicht einmal der Besitzer des Schlafzimmers davon weiß. Ich hob die Geheimtür leicht an und öffnete sie einen Spalt. Diese Geheimtür ist verdammt schwer! Nachdem ich nach links und rechts geschaut hatte dachte ich: Gut! Es gibt nicht eine einzige Spur eines menschlichen Wesens im Schlafzimmer.

Ursprünglich wollte ich die gesamte Geheimtür leicht hinauf heben. Allerdings stellte ich bald fest, dass sie sich überhaupt nicht bewegte. Mit all der Kraft die ich aufbringen konnte hob ich die Geheimtür etwa zehn Zentimeter und bewegte sie mit viel Mühe seitwärts. Endlich schaffte ich es, die Geheimtür zur Seite zu bewegen. Ich hatte auch ungefähr meine gesamte Kleidung durchgeschwitzt.

Uff! Vermutlich hätte ich es ohne die Steigerung meiner Kraft durch das Tragen der Heiligen Brigantine des Drachen nicht geschafft, die Geheimtür zu öffnen.

Nachdem ich fertig nach Atem gerungen hatte und ins Schlafzimmer geklettert war, fand ich heraus, dass da tatsächlich ein Marmorkasten auf der Geheimtür stand! Er war um ein dutzend oder mehr Zentimeter größer als ich. Kein Wunder, dass es so schwer war!

Trotzdem war jetzt nicht die Zeit um sich zu beschweren. Nachdem ich nicht weiß, wann der Besitzer dieses Schlafzimmers zurückkehren wird, sollte ich mich besser beeilen und an die Arbeit machen.

Ohne viel Mühe fand ich die abgeschottete geheime Kammer hinter dem zimmerhohen Spiegel der an der Wand hängte. Dann betrat ich diesen letzten Ort, während ich hoffte, dass mein Ausflug hierher nicht verschwendet war…

Der Geruch von Blut attackierte sofort meine Nase. Er war dicht, stark und brachte einen fauligen Geruch mit sich.

Vor meinen Augen verdeckte ein dickes, schweres Stück Stoff die Sicht, aber es konnte diesen Geruch von Blut nicht blockieren. Ich wusste, dass ich den richtigen Ort gefunden hatte.

Ich ging vor und hob den Stoff an…

Ich war fassungslos. Nachdem ich die Beweise bereits gefunden hatte, war es am sichersten sofort zu verschwinden. Dennoch konnte ich nur blöde diesen Ort anstarren. Es gab kein Anzeichen einer Leiche, genauso wenig wie eine grausame Szene voll Fleisch und Blut. Im Gegenteil, dieser Ort war gründlich gesäubert und all die Ketten und unterschiedliche Folterinstrumente an den Wänden waren sogar geölt und poliert.

Das Holzbett in der Mitte war auch glänzend.

Vermutlich waren es die Blutflecken, die nicht herunter geschrubbt werden konnten, egal wie sehr man sich auch anstrengte. Die Blutflecken waren Schicht auf Schicht übereinadergelegt und im Endeffekt wurde das hart gewordene Blut auf dem Holzbett so schwarz, dass es glänzte.

Die umgebenden Wände und der Boden schienen auf den ersten Blick keine Male zu haben. Allerdings durchdrangen die Schreie der Verstorbenen die Dicke der Wände, genauso wie der Gestank von Fäulnis und Blut der direkt aus der Hölle zu kommen schien.

Dieser Ort, der auf den ersten Blick scheinbar sauber wirkte, war eigentlich von den schäbigsten, schmutzigsten Gedankenprozessen erfüllt und die gequälten Schreie der Verstorbenen erfüllten die Luft.

Ich konnte nicht umhin mit dem Finger an der Schicht schwarz glänzenden Blutes auf dem Holzbett zu kratzen. Die Schicht war sogar noch härter als ich gedacht hätte, denn mein Finger war nur mit einem klein wenig an schwärzlichem Rot befleckt.

Innerhalb dieses schwärzlichen Rots ist auch Rolands Blut, nicht wahr?

„Roland, wenn du an diesem Ort gestorben bist, dann verstehe ich, warum du ein Todesritter geworden bist und derart entschlossen bist ihn zu töten.“

Meine Augen waren ein wenig feucht, aber ich wollte meine Tränen nicht zurückhalten. Roland und ich waren beide Waisen und er starb sogar für einen derart zwielichtigen Grund. Vielleicht war ich der Einzige, der seinen Tod betrauerte.

Nur ich werde für ihn weinen.

[Sonnenritter Band 1 Kapitel 9 Ende]

 

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